Analoger und digitaler Nachrichtenjournalismus im Vergleich: Beispiel „Spiegel“

Analoger und digitaler Nachrichtenjournalismus im Vergleich: Beispiel „Spiegel“

Generell ist der Nachrichtenjournalismus mehr als andere journalistische Genres ereignisgetrieben. Dabei gibt es aber kanalspezifische Ausprägungen: Print und Netz haben unterschiedliche Produktionsrhythmen. Der digitale Nachrichtenjournalismus steht unter einem höheren Aktualitäts- und Beschleunigungsdruck als der Journalismus der Printmedien. Das wirft eine Frage auf: Wie schlägt sich das in den bei PZ Online auswertbaren Metriken nieder?

Nehmen wir die Marke Spiegel als Beispiel. Der gedruckte Spiegel erscheint einmal in der Woche – am Samstag. Er hat seinen festen Redaktionsschluss und bietet zum Preis von fast fünf Euro ein abgeschlossenes journalistisches Produkt. Zwar kann dieses Produkt auch in digitaler Form konsumiert werden, zum Beispiel als ePaper. Doch es handelt es sich dabei nicht um digitalen Journalismus, sofern man als dessen charakteristische Merkmale dynamisierte Publikationsprozesse, Hypertextualität, Interaktivität und Multimedialität betrachtet.

Digitalen Journalismus bietet seit über zwanzig Jahren Spiegel online, bisher weitgehend kostenfrei für die Nutzer. Einen Redaktionsschluss gibt es hier grundsätzlich nicht. Spiegel online nimmt am stetigen Nachrichten- und Meinungsstrom im Netz teil. Bei wichtigen Ereignissen informieren Live-Ticker in Echtzeit. Mit den unterschiedlichen Produktionsbedingungen auf der Angebotsseite korrespondieren unterschiedliche Erwartungen und Gewohnheiten der Nutzer auf der Nachfrageseite.

Womit fand der Print-Spiegel letztes Jahr am meisten Resonanz?

Zu dieser Frage betrachtet man am besten den Einzelverkauf, die besonders reagible Sparte. Unter den fünf im EV erfolgreichsten Spiegel-Titeln des Jahres 2016 (Chart unten) überwiegen zwar die Titelthemen mit einem klaren Ereignisbezug. Aber auch Themen jenseits der Tages-, Wochen- und Monatsaktualität erweisen sich als verkaufsstark. Zudem blieb der Redaktion bei ereignisbezogenen Titelthemen jeweils noch Zeit für Hintergrund-Recherchen:

  • Das Titelthema „Das Ende der Welt“ lag zwanzig Prozent über dem Durchschnitt und erschien am 12. November, vier Tage nachdem Donald Trump überraschend zum US-Präsidenten gewählt worden war.
  • Gleich dahinter liegt das Titelthema „Ohne Zins und Verstand“ mit Index 115. Es rekurrierte nicht auf kurzfristige Aktualität, sondern auf die seit Jahren andauernde Niedrigzinsphase, auf die die deutschen Geldanleger nicht gerade clever reagieren. Hier wird dem Käufer nicht zuletzt auch privater Nutzwert in Aussicht gestellt. „Warum die Deutschen ihr Geld falsch anlegen – und wie sie es vermehren könnten“ heißt es in der Subline.
  • Das Titelthema „Auf der Kippe“ erschien am 9. Januar und bezog sich – mit einigen Tagen Abstand – auf die Ereignisse der Kölner Silvesternacht. Es verkaufte am Kiosk 13 Prozent mehr als die durchschnittliche Ausgabe.
  • „Der missbrauchte Glaube“ über „die gefährliche Rückkehr der Religionen“ kam am 26. März heraus. Das Thema erhielt zwar durch den islamistischen Anschlag auf den Brüsseler Flughafen vom 22. März auch eine aktuelle Note. Es handelt sich aber wohl um ein länger geplantes Thema – jedenfalls um ein Thema, das auf Jahre hinaus aktuell bleiben dürfte.
  • Das Thema „Europa ist tot“ erschien am 25. Juni, zwei Tage, nach der Brexit-Abstimmung und verkaufte im EV ein Zehntel mehr als der Durchschnitt.
Wie sah im Vergleich die Resonanz der Nutzer bei Spiegel online aus?

Die digitalen Metriken Unique User und Visits sind auf Monatsbasis verfügbar. Deshalb wurden im Chart unten alle Printausgaben den Monaten ihres Erstverkaufstags zugeordnet. Da pro Monat vier bis fünf Ausgaben erscheinen, nivelliert sich die Wirkung starker Einzelausgaben. Während Heft 46 mit einem Aufschlag von zwanzig Prozent das stärkste Einzelheft war, erweist sich der März mit einem vergleichsweise kleineren Aufschlag von rund fünf Prozent als stärkster Einzelmonat.

Gemessen daran fällt die Volatilität beim digitalen Nachrichtenjournalismus höher aus:

  • So lag im Januar – Stichwort Silvesternacht – die Reichweite von Spiegel online um zehn Prozent über dem Jahresdurchschnitt, und die Zahl der Visits lag fünf Prozent darüber.
  • Im Juli überschritten die Visits den Durchschnittswert um 14 Prozent, die Zahl der Unique User lag knapp acht Prozent über dem Durchschnitt. Vor allem der Amoklauf eines 18-jährigen Schülers in München, dem am 22. Juli neun Menschen zum Opfer fielen, dürfte zu hohen Zugriffszahlen geführt haben. Darüber hinaus fielen in denselben Monat die Terrorattentate in Würzburg und Arnsberg, der Putschversuch in der Türkei sowie – als einzig erfreuliches Ereignis – die letzte Phase der Fußball-EM in Frankreich. Der Print-Spiegel konnte im Juli trotz der Ereignisdichte keine deutlich überdurchschnittlichen Kiosk-Verkäufe erzielen.
  • Im Juni dürften die Fußball-EM – sie begann am 10. des Monats – und der Brexit für Spiegel online wichtige Treiber gewesen sein. Die Visits lagen acht Prozent, die Nutzerzahlen vier Prozent über dem Schnitt.
  • Schließlich der Dezember: Hier wird vor allem der islamistische Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt für überdurchschnittliche Zugriffszahlen gesorgt haben.

Ein Sonderfaktor ist für starke Abweichungen der digitalen Metriken im September zu bedenken: Hier kam es zu der bei Netzangeboten typischen Relaunch-Delle, nachdem die Redaktion ihr Angebot überarbeitet hatte.

Fazit: Nachrichtenjournalismus hat in Print und Netz partiell unterschiedliche Möglichkeiten und Funktionen. Die Zugriffszahlen der Spiegel-Website sind erkennbar ereignisgetrieben, und die Ausschläge fallen stärker als beim gedruckten Magazin aus. Das Magazin kann auch mit Titelthemen jenseits der kurzfristigen Aktualität im Einzelverkauf punkten. Nur drei der fünf Kiosk-Favoriten des Jahres 2016 hatten einen klaren Bezug zu kurzfristig aktuellen Ereignissen.

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Ein Beitrag vom PZ-Online Blog

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2017-07-14T14:39:08+00:00 05.05.2017|Kategorien: Aktuelles|